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  • EMOTIONALE BALANCE BEI HUNDEN UND KATZEN Wissenschaftliche Informationen für Tierärzte

  • 3

    Zum Verständnis von emotionaler Belastung und Angst bei Katzen und Hunden Risikosituationen erkennen Von der emotionalen Belastung zur Angst Folgen einer induzierten Belastung Diagnose Konventionelle Behandlung

    4 4 5 6 7 8

    01 EMOTIONALE BELASTUNG UND ANGST

    Alpha-Casozepin: Ein aktives Biopeptid aus der Milch L-Tryptophan: Eine Vorläuferaminosäure des Serotonin Die anxiolytische Wirkung von Nicotinamid

    9–16 17–19

    20

    02 DIÄTETISCHES MANAGEMENT BEI EMOTIONALER BELASTUNG IN ANXIOGENEN SITUATIONEN: EIN MULTIMODALER ANSATZ ZUR ERGÄNZUNG DER KONVENTIONELLEN THERAPIE

    INHALTSVERZEICHNIS

    2103 CALM

    2204 LITERATUR

  • RISIKOSITUATIONEN ERKENNEN

    Beim Hund sind einige der Hauptbelastungsfaktoren – und deshalb potenziell anxiogene Faktoren – verän- derte Lebensumstände (z. B. ein neues Zuhause, Auf- enthalt in der Tierpension, Ortswechsel im Urlaub), vorübergehende Veränderungen der Umwelt (z. B. un- gewöhnliche Geräusche wie Stürme oder Gewitter, Einsamkeit) oder Veränderungen gewohnter Abläufe (geänderte Zeiten für Spaziergänge oder Mahlzeiten).

    Katzen reagieren sensibel auf die Anwesenheit anderer Katzen in ihrem Lebensraum, territoriale Veränderun- gen, Belastungen auf Seiten des Besitzers, räumlich begrenzte Lebensbedingungen, tierärztliche Behand- lungen oder einen stationären Aufenthalt in der Tier - klinik (Hospitalisierung).

    4

    01 EMOTIONALE BELASTUNG UND ANGST

    ZUM VERSTÄNDNIS VON EMOTIONALER BELASTUNG UND ANGST BEI KATZEN UND HUNDEN

    WAS IST EMOTIONALE BELASTUNG?

    Emotionale Belastung ist die Bezeichnung für eine Reihe von Reaktionen, die es einem Lebewesen ermöglicht, sich an eine neue Situation anzupassen (z. B. Umzug in ein neues Zuhause, eine Autofahrt, die Begegnung mit einem anderen Tier, die Ankunft eines Babys etc.). Emotionale Belastungen steigern die Aktivität im Zentralnervensys- tem (Gehirn) und die Sekretion von Hormonen (Adrenalin, Kortison etc.). Dies führt zu einer erhöhten Muskelspan- nung, einer erhöhten Herzfrequenz, einer verbesserten Sehschärfe und einer gesteigerten kognitiven Aktivität.

    Emotionale Belastung kann sich also positiv auswirken, indem sie das Potenzial eines Tieres steigert (Belastungen ermöglichen eine erfolgreiche Anpassung an neue Situa- tionen). Diese physiologischen Reaktionen können aber auch unangenehme Folgen haben, wie zum Beispiel Ptya- lismus (vermehrter Speichelfluss) oder die Stimulation der Darmpassage.

    WAS IST ANGST?

    Emotionale Belastung kann sich in einen negativen Zu- stand verwandeln, wenn er übermäßig stark ausgeprägt ist oder über einen langen Zeitraum anhält. Die Fähigkeit des Tieres, sich anzupassen, wird überschritten und schließlich kommt es zu einer Erschöpfung des Organis- mus. Einige Tiere besitzen eine individuell höhere Anfäl- ligkeit für emotionale Belastungen und passen sich neuen Situationen weniger gut an, als andere. Zu den Faktoren, die diese Anpassungsfähigkeit reduzieren, gehören das Alter und ein Mangel an Erfahrung mit neuen Situationen. Ein häufiges Resultat dieser mangelnden Fähigkeit, eine belastende Situation erfolgreich zu managen, ist Angst. Angst ist ein objektunbezogenes Grundgefühl der Besorg- nis oder Befürchtung in einer Situation, die als negativ aufgefasst wird oder als Bedrohung empfunden wird. Be- troffene Tiere erfahren ein echtes Unwohlsein (Zittern, Lautäußerungen), oft begleitet von konkreten körperlichen Manifestationen (Ptyalismus, Mydriasis, Miktion etc.).

    Wenn dieser Zustand persistiert, und schließlich gar keine Spannung oder Bedrohung mehr notwendig ist, um den Be- ginn oder die Persistenz dieses Unbehagens zu triggern, spricht man von pathologischer Angst oder Angst störung.

    Angst und emotionale Belastung sind zwar zwei eng miteinander verwandte Zustände, dennoch werden diese beiden Begriffe oftmals fälschlicherweise synonym verwendet. Bei unseren Gesellschaftstieren sind diese beiden [emotionalen] Zustände jedoch sehr gut definiert.

  • VON DER EMOTIONALEN BELASTUNG ZUR ANGST

    5

    BELASTENDE SITUATIONEN

    Transport

    Untersuchungen beim Tierarzt

    Neues Zuhause

    Neues Tier im Haushalt

    ANGST

    Angst vor fremden Personen

    Trennungsangst

    Aggression in der Tierarztpraxis

    Reisekrankheit

    GENETISCHE FAKTOREN Spezies Rasse Individuum

    ERFAHRUNGEN WÄHREND DER ENTWICKLUNG Zu frühe / zu späte Anpassung Mangel an Stimulation Traumatische Erfahrungen

    FRÜHE LERNERFAHRUNGEN Spezifische unangenehme Erfahrungen Unbeabsichtigte Verstärkung Bestrafung

    MANGEL AN KONTROLLE UND VORHERSEHBARKEIT DER SOZIALEN UND PHYSISCHEN UMWELT

    Unzureichende Interaktionen zwischen Besitzer und Tier Unpassende Anwendung von Befehlen Mangel an Routine Veränderungen der Zusammensetzung der Familie Veränderungen der Arbeitszeiten des Besitzers Umzug in ein neues Zuhause Renovierung, Arbeiten im Haus Einführung eines neuen Tieres in den Haushalt Anwesenheit neuer Nachbartiere

  • 66

    01 EMOTIONALE BELASTUNG UND ANGST

    FOLGEN EINER INDUZIERTEN EMOTIONALEN BELASTUNG

    Rein nervöse Reaktionen, die zu Verhaltensänderungen führen (z. B. Veränderungen des Futteraufnahme - musters, des Erkundungsverhaltens oder des Kot- und Harnabsatzverhaltens).

    Kombinierte nervöse und humorale Reaktionen (Frei- setzung von Adrenalin), die wenig spezifische organi- sche Symptome verursachen, wie zum Beispiel ge stei gerte Herzfrequenz, erhöhte Atemfrequenz, Mydriasis, Ptyalismus, erhöhter Blutdruck, muskuläre Störungen (Zittern) oder Hautveränderungen (z. B. Hautzittern bei Kontakt [feline Hyperästhesie, sog. Rolling-Skin-Syndrom] oder ausgedehnte Alopezie in- folge übertriebener Fellpflege).

    Diese und andere Symptome (z. B. Lautäußerungen, Beißen in Gegenstände oder in den Transportkäfig, Gra- ben im Boden, Unsauberkeit) können in belastenden

    oder anxiogenen Situationen sowohl bei Hunden als auch bei Katzen auftreten (mit Miauen und Kot- / Harn- absatz an ungeeigneten Stellen). Weitere häufig zu beobachtende Anomalien sind Schlafstörungen, Pfoten - lecken, Futteraufnahmestörungen (Bulimie, Anorexie), Angstreaktionen, Kontaktaversionen und gelegentlich auch abnormes Beiß- und / oder Kratzverhalten.

    Diese Verhaltensmuster können sich für den Besitzer und seine Familie zu einem signifikanten Problem ent- wickeln. So sind zum Beispiel bei Hunden mit Tren- nungsangst die häufigsten (und spektakulärsten) Störungen ständiges Bellen, zerstörerisches Verhalten und „Unsauberkeit“ (Kot- /Harnabsatz an ungeeigneten Stellen), wenn das Tier allein ist.

    Wird eine Katze oder ein Hund einer chronisch-exzessiven Belastung oder einer anxiogenen Situation ausgesetzt, können eine oder mehrere der folgenden organischen Reaktionen auftreten:

    So zeigen 40 % aller durch Gewitter oder Donner belaste- ter Hunde unkontrollierte Defäkationen oder Diarrhoe (Stafford 2008). In Gruppen lebende Hunde (insbesondere Hunde in Zuchtzwingern) zeigen ein verändertes Kot- / Harnabsatzverhalten infolge von emotionalen Belastun- gen (Heiblum 2005).

    Eine gesteigerte Dickdarmmotilität scheint die Haupt - ursache einer weichen Kotkonsistenz bei den meisten belasteten Tieren zu sein (Ochiai 1990).

    Eine Studie über 64 Hunde mit als „irritable bowel“ („Reiz- darm“) kategorisierten Verdauungssymptomen wurde kürzlich veröffentlicht (Leib 2009). Im Durchschnitt setzen diese Tiere 3,5-mal täglich Kot ab mit einem Kot-Score von 2 (Kot-Score 1 = flüssig, Kot-Score 5 = hart). In der untersuchten Kohorte waren 30% der Hunde emotionalen Belastungen oder bekannten anxiogenen Situationen ausgesetzt. Die Verdauungssymptome dieser Hunde waren assoziiert mit Störungen ihrer Umwelt, wie zum Beispiel einem unbekannten Besucher im familiären Kreis, einer Reise, Start in den Urlaub, einem Umzug oder einer Renovierung im Haus.

    Veränderungen im Bereich des Verdauungstraktes: Am häufigsten beobachtet man Ptyalismus, Erbrechen und Diarrhoe.

  • 01 EMOTIONALE BELASTUNG UND ANGST

    7

    DIAGNOSE

    Die Diagnose von Verhaltensstörungen infolge von emo- tionalen Belastungen oder anxiogenen Situationen bei Katzen und Hunden basiert auf einer sorgfältigen Beur- teilung des Verhaltens durch einen Tierarzt [veterinär - medizinischen Verhaltensspezia listen].

    Die Anamnese sollte methodisch erfolgen und unter anderem darauf abzielen, andere Krankheitsprozesse auszuschließen (Ausschluss der Hauptursachen von Er- krankungen des Verdauungstraktes, der Haut und anderer Organsysteme).

    Die Verhaltensanamnese des Patienten wird erstellt.

    Scoring-Tabellen zur Bewertung des Verhaltens (z. B. – S.15 – der ETEC-Score zur Beurteilung emotionaler Störungen beim Hund, Pageat 1995) können sich als hilf- reiche ergänzende diagnostische Werkzeuge erweisen, da sie die ausführlichste Checkliste aller zu berücksichtigen- den klinischen Symp tome liefern.

    Zittern

    Kot- / Harnabsatz

    DiarrhoeErbrechen

    Erweiterte Pupillen

    Salivation Lippenlecken Schlucken

    Hyporexie Anorexie

    Hecheln

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    01 EMOTIONALE BELASTUNG UND ANGST

    1. VERHALTENSTHERAPIE

    Die Verhaltenstherapie ist der Grundpfeiler des Manage- ments von Verhaltensproblemen und wird in der Regel von spezialisierten veterinärmedizinischen Verhaltensthera- peuten durchgeführt. Ziel ist es, Lösungen zu entwickeln, die die Fähigkeit

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