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  • Goethe Poetry Competition 2015 1

    School of Languages & Linguistics, The University of Melbourne

    GOETHE POETRY COMPETITION POEMS FOR RECITATION Year 10 Bertolt Brecht Radwechsel Maria Luise Weissmann Das Karussell Rainer Maria Rilke Schlussstck Christa Reinig Robinson Rose Auslnder Frhling Year 11 Bertolt Brecht Der Schneider von Ulm Else Lasker-Schler Mein Tanzlied Hilde Domin Ziehende Landschaft Erich Kstner Sachliche Romanze Ilse Aichinger Zeitlicher Rat Year 12 Ingeborg Bachmann Die gestundete Zeit Wolf Biermann Das Barlach-Lied Johann Wolfgang von Goethe Der Erlknig Georg Trakl Der Gewitterabend Nelly Sachs Geschirmt

  • Goethe Poetry Competition 2015 2

    School of Languages & Linguistics, The University of Melbourne

    Year 10 Bertolt Brecht Der Radwechsel

    Ich sitze am Straenrand Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel Mit Ungeduld?

    Maria Luise Weissmann Das Karussell

    Sie standen stumm und lauschten dem Getn Verstimmter Instrumente tief in Schlaf:

    Die starren Tiere, bunt und wunderschn. Da sie ein Kinderblick in Schmerz betraf,

    Erwachten sie. Die Lwenmhne flog Im Wind. So klang vom Elefantenzahn

    Gelut der Schellen. Rssel schnob. Es zog In langem Zug die stolze Karawane

    Dahin. Vor ihrem steilen Aufbruch lag

    Ein Palmenwald, verstrickt in Abenteuer, Aus Lichtraketen scho der heie Tag,

    Kakteen brannten, purpurn, ungeheuer. Rainer Maria Rilke Schlussstck

    Der Tod ist gro Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.

  • Goethe Poetry Competition 2015 3

    School of Languages & Linguistics, The University of Melbourne

    Christa Reinig Robinson

    Manchmal weint er wenn die worte still in seiner kehle stehn doch er lernt an seinem orte schweigend mit sich umzugehn und erfindet alte dinge halb aus not und halb im spiel splittert stein zur messerklinge schnrt die axt an einen stiel kratzt mit einer muschelkante seinen namen in die wand und der allzu oft genannte wird ihm langsam unbekannt

    Rose Auslnder Frhling Mit dem Akazienduft fliegt der Frhling in dein Erstaunen Die Zeit sagt ich bin tausendgrn und blhe in vielen Farben Lachend ruft die Sonne ich schenke euch wieder Wrme und Glanz Ich bin der Atem der Erde flstert die Luft Der Flieder duftet uns jung

  • Goethe Poetry Competition 2015 4

    School of Languages & Linguistics, The University of Melbourne

    Year 11 Bertolt Brecht Der Schneider von Ulm Bischof, ich kann fliegen,

    Sagte der Schneider zum Bischof. Pass auf, wie ichs mach! Und er stieg mit so nen Dingen, Die aussahn wie Schwingen Auf das groe, groe Kirchendach. Der Bischof ging weiter. Das sind so lauter Lgen, Der Mensch ist kein Vogel, Es wird nie ein Mensch fliegen, Sagte der Bischof vom Schneider. Der Schneider ist verschieden, Sagten die Leute dem Bischof. Es war eine Hatz. Seine Flgel sind zerspellet Und er lag zerschellet Auf dem harten, harten Kirchenplatz. Die Glocken sollen luten, Es waren nichts als Lgen, Der Mensch ist kein Vogel, Es wird nie ein Mensch fliegen, Sagte der Bischof den Leuten.

    Else Lasker-Schler Mein Tanzlied

    Aus mir braust finstre Tanzmusik Meine Seele kracht in tausend Stcken! Der Teufel holt sich mein Missgeschick Um es ans brandige Herz zu drcken. Die Rosen fliegen mir aus dem Haar Und mein Leben saust nach allen Seiten, So tanz ich schon seit tausend Jahr, Seit meiner ersten Ewigkeiten

  • Goethe Poetry Competition 2015 5

    School of Languages & Linguistics, The University of Melbourne

    Hilde Domin Ziehende Landschaft Man mu weggehen knnen und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zge die Landschaft und wir stnden fest. Man mu den Atem anhalten, bis der Wind nachlt und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt, bis das Spiel von Licht und Schatten, von Grn und Blau, die alten Muster zeigt und wir zuhause sind, wo es auch sei, und niedersitzen knnen und uns anlehnen, als sei es an das Grab unserer Mutter. Erich Kstner Sachliche Romanze

    Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen sie kannten sich gut), kam ihre Liebe pltzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut. Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Ksse, als ob nichts sei, und sahen sich an und wussten nicht weiter. Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei. Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken. Er sagt, es wre schon Viertel nach vier und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken. Nebenan bte ein Mensch Klavier. Sie gingen ins kleinste Caf am Ort und rhrten in ihren Tassen. Am Abend sassen sie immer noch dort. Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort und konnten es einfach nicht fassen.

  • Goethe Poetry Competition 2015 6

    School of Languages & Linguistics, The University of Melbourne

    Ilse Aichinger Zeitlicher Rat Zum ersten musst du glauben, dass es Tag wird, wenn die Sonne steigt. Wenn du es aber nicht glaubst, sage ja. Zum zweiten musst du glauben und mit allen deinen Krften, dass es Nacht wird, wenn der Mond aufgeht. Wenn du es aber nicht glaubst, sage ja oder nicke willfhrig mit dem Kopf, das nehmen sie auch. Year 12 Ingeborg Bachmann Die gestundete Zeit

    Es kommen hrtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Bald musst du den Schuh schnren und die Hunde zurckjagen in die Marschhfe. Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind. rmlich brennt das Licht der Lupinen. Dein Blick spurt im Nebel: die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Drben versinkt dir die Geliebte im Sand, er steigt um ihr wehendes Haar, er fllt ihr ins Wort, er befiehlt ihr zu schweigen, er findet sie sterblich und willig dem Abschied nach jeder Umarmung. Sieh dich nicht um. Schnr deinen Schuh. Jag die Hunde zurck. Wirf die Fische ins Meer. Lsch die Lupinen! Es kommen hrtere Tage.

  • Goethe Poetry Competition 2015 7

    School of Languages & Linguistics, The University of Melbourne

    Wolf Biermann Das Barlach-Lied

    Ach Mutter mach die Fenster zu Ich glaub es kommt ein Regen Da drben steht die Wolkenwand Die will sich auf uns legen Was soll aus uns noch werden Uns droht so groe Not Vom Himmel auf die Erden Falln sich die Engel tot Ach Mutter mach die Tre zu Da kommen tausend Ratten Die hungrigen sind vorneweg Dahinter sind die satten Was soll aus uns noch werden Uns droht so groe Not Vom Himmel auf die Erden Falln sich die Engel tot Ach Mutter mach die Augen zu Der Regen und die Ratten Jetzt dringt es durch die Ritzen ein Die wir vergessen hatten Was soll aus uns noch werden Uns droht so groe Not Vom Himmel auf die Erden Falln sich die Engel tot.

  • Goethe Poetry Competition 2015 8

    School of Languages & Linguistics, The University of Melbourne

    Johann Wolfgang von Goethe Der Erlknig

    Wer reitet so spt

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