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berufsverbot.qxdNeuordnung der Arbeit
während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich
Herausgegeben von Clemens Jabloner, Brigitte Bailer-Galanda, Eva Blimlinger,
Georg Graf, Robert Knight, Lorenz Mikoletzky, Bertrand Perz, Roman Sandgruber, Karl Stuhlpfarrer und Alice Teichova
Band 16
Alexander Mejstrik, Therese Garstenauer, Peter Melichar, Alexander Prenninger, Christa Putz, Sigrid Wadauer
Berufsschädigungen in der national- sozialistischen Neuordnung der Arbeit
Vom österreichischen Berufsleben 1934 zum völkischen Schaffen 1938 –1940
Oldenbourg Verlag Wien München 2004
Österreichische Gesellschaft für Zeitgeschichte Bildarchiv, Sammlung Spiegel
Für Fr. Ef.
Wir danken Martina Gaigg für die anspruchsvollen und gelungenen graphischen Lösungen.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
© 2004. R. Oldenbourg Verlag Ges.m.b.H., Wien.
Das Werk einschließlich aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege und der Speicherung in EDV-Anlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.
Satz: Martina Gaigg Druck: AZ Druck und Datentechnik, D-87437 Kempten Wissenschaftliche Redaktion: Mag. Eva Blimlinger Umschlaggestaltung: Christina Brandauer Lektorat: Mag. Eva Blimlinger, Dr. Renate Stark-Voit
ISBN 3-7029-0524-3 R. Oldenbourg Verlag Wien ISBN 3-486-56778-0 Oldenbourg Wissenschaftsverlag München
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm 7
1. Zwei Räume 25 1.1. Berufsarbeit als völkisches Schaffen 1938 –1940 25
1.1.1. Auslese und Ausmerze in der völkischen Neuordnung der Berufsarbeit 26
1.1.2. Völkische Berufsarbeit als dreidimensionaler Raum 39 1.2. Das Berufsleben der österreichischen Bevölkerung 1934 78
2. Berufsschädigungen in der Neuordnung völkischen Schaffens 97 2.1. Drei Schätzungen 97 2.2. Zeittafel 107 2.3. Kalender 125
3. Freie Berufe I: Recht, Medizin, Technik 147 3.1. Notare 169 3.2. RechtsanwältInnen 195 3.3. PatentanwältInnen 227 3.4. ArchitektInnen und ZiviltechnikerInnen 228 3.5. ÄrztInnen 241 3.6. ApothekerInnen 249 3.7. Tierärzte 272
4. ArbeiterInnen, Angestellte, BeamtInnen 279 4.1. Öffentlicher Dienst 284
4.1.1. WissenschafterInnen an Universitäten und Hochschulen 336 4.1.2. Öffentliche Bedienstete in Justiz, Exekutive und Militär 342
4.2. ArbeiterInnen und Angestellte der Privatwirtschaft 372 4.2.1. Leitende Angestellte 436 4.2.2. Die ArbeiterInnen und Angestellten der ehemaligen Orga-
nisationen der gewerblichen Wirtschaft in der Ostmark 443 4.2.3. Geschädigte, Verfolgte und Profiteure:
Wer ist Opfer? Wer Täter? 460 4.3. Exkurs: Unternehmer – Entjudung, Säuberung, völkische
Berufsbereinigung 465
6 Inhaltsverzeichnis
5. Freie Berufe II: Die Erfindung des Kulturschaffens 487
6. Erhebungen und Quellenbestände 535 6.1. Die Vermögensanmeldungen vom 27. April 1938 535 6.2. Kartei der politisch Verfolgten 541 6.3. Opferfürsorgeakten 546 6.4. Die Rechtsakten der Vermögensverkehrsstelle 555 6.5. Akten der Hilfsfonds 565 6.6. Akten der Entschädigungsstelle für die Angestellten der
Organisationen der gewerblichen Wirtschaft in der Ostmark 568 6.7. Die Auswanderungskartei der Israelitischen Kultusgemeinde Wien 576 6.8. Der Fonds zur Abgeltung gewisser Ansprüche nach dem
Siebenten Rückstellungsgesetz 580
8. Anhang 611 8.1. Der Raum völkischen Schaffens: statistische Konstruktion
(Korrespondenzanalyse) 611 8.1.1. Eingangstabelle: Individuen, Fragen/Antworten 614 8.1.2. Rechenergebnisse 642
8.2. Tabellen 644
9.2.1. Zitierte Literatur und publizierte Materialien 683 9.2.2. Archivalien 689 9.2.3. Interviews 693
9.3. Verzeichnis der Tabellen 694 9.4. Verzeichnis der Graphiken 699
Autorinnen und Autoren 702
0. Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm
„Was ist Jan Kiepura eigentlich für ein Landsmann? Neulich wurde ihm ein Konzert in Berlin verboten. Da war er der Jude Kiepura. Dann trat er in einem Film des Hugenbergkonzerns auf. Da war er der be- rühmte Tenor der Mailänder Scala! Dann pfiff man in Prag sein deutsch gesungenes Lied ,Heute nacht oder nie!‘ aus. Da war er der deutsche Sänger Kiepura. (Dass er Pole war, erfuhr ich erst viel später).“1
Bei der historiographischen Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft kommt bestimmten Themen eine gleichsam selbstverständliche Vorrang- stellung zu, andere werden bloß gestreift, manchmal sogar ausgeklammert. Das ist auf Grund der Ungeheuerlichkeiten dieser Geschichte verständlich, führt aber zur Konstruktion einer Geschichte, die mehr Bild und Narration ist als wissenschaftlich konstatierter Tatbestand, da wichtige und dauer- hafte Strukturveränderungen der österreichischen Gesellschaft weitgehend ausgeblendet bleiben und die nationalsozialistische Überpolitisierung2 oft (nur mit geänderter politischer Einstellung, aber als solche) unverändert als Darstellungsprinzip übernommen wird.
Auch im Zusammenhang mit Arisierungen wird meist lediglich an die Enteignung von Unternehmen, Immobilien und Vermögenswerten gedacht,3 kaum jedoch an die unterschiedlichen Interventionen in indivi- duelle Berufs- und Arbeitsgeschichten. So wundert es nicht, dass die massenhaften rassisch-, politisch- oder sonst wie nationalsozialistisch be-
1 Viktor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Berlin 1996, S. 43. 2 Mit „surpolitisation“ bezeichnet Gisèle Sapiro die Tendenz des Vichy Regimes, alles
und jedes zu einer politischen Frage zu machen, eine Tendenz, die für autoritäre Herr- schaft insgesamt gelten könnte, vgl. Gisèle Sapiro: La raison littéraire. Le champ lit- téraire francais sous l’Occupation (1940 –1944), in: Actes de la recherche en sciences sociales 111–112 (1996), S. 3 – 35, hier v.a.: S. 12.
3 Vgl. zB Hans Witek: „Arisierungen“ in Wien. Aspekte nationalsozialistischer Enteig- nungspolitik 1938 –1940, in: Emmerich Tálos, Ernst Hanisch, Wolfgang Neugebauer, Reinhard Sieder, Hg.: NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, Wien 2000, S. 795 – 816.
8 Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm
gründeten Umstrukturierungen der Arbeits- und Berufsmärkte während der NS-Herrschaft in Österreich bislang nicht systematisch untersucht worden sind. Zwar wurde häufig, vor allem mit Hinweis auf Kultur und Wissenschaft, auf den gewaltigen Verlust aufmerksam gemacht, der durch die Jahre der nationalsozialistischen Okkupation und Aufhebung Öster- reichs zu beklagen ist. Forschungen jedoch, welche die Gründe und Ur- sachen, die Folgen und Auswirkungen der Berufsverbote, Entlassungen usw. in vergleichender, überschauender Perspektive – synchron und dia- chron – untersuchen, fehlen.4 Mit der Vielfältigkeit und dem Umfang dieses Fragenkomplexes hängt es wohl zusammen, dass sich die bisher existierenden Arbeiten zumeist auf relativ kleine und wohldefinierte Grup- pierungen beschränken, die auf Grund der Quellenlage als abgrenzbare Einheiten erscheinen.
So finden sich Monographien über einzelne Verfolgten- und Berufs- gruppen, welche die zwangsweisen Entfernungen aus dem offiziellen Arbeits- und Berufsleben als ein Problem unter anderen Problemen der Geschichte dieser Gruppen im Nationalsozialismus abhandeln.5 Ebenso bleiben die entsprechenden Hinweise oft nur auf eine grobe Charakte- risierung der Entwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und – wenn überhaupt – auf pauschale Bemerkungen und Vermutungen zu Verlauf, Hergang, Umfang und Folgen der Entlassungen usw. beschränkt. Schließlich scheinen die meisten dieser Historiographien in einer Alter- native von objektivistischer und subjektivistischer Beschreibung6 gefangen, die Metaphern der Gleichschaltung7 und der Säuberungswellen stehen
4 Ein Versuch, die „Germanisierungen“ zumindest in einer anderen langfristigen Perspek- tive zu behandeln, nämlich in der einer österreichischen Wirtschaftsgeschichte ins- gesamt, findet sich bei Roman Sandgruber: Ökonomie und Politik. Österreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wien 1995, S. 419 – 423.
5 Eine Ausnahme stellt hier am ehesten noch die jüngst verfasste Diplomarbeit von Eva- Maria Sedlak dar, die das Thema zwar nur für Juden und Jüdinnen, jedoch zumindest als solches zum ersten Mal entwirft, vgl. Eva-Maria Sedlak: Die berufliche Ausgren- zung österreichischer Juden im Jahr 1938 vom „Anschluss“ bis zur „Reichskristall- nacht“. Dipl.Arb. Wien 2000.
6 Pierre Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt/M. 1979, S. 139 –164.
7 „Innerhalb kürzester Zeit bot die Universität Wien ebenso wie alle anderen Universi- täten und Hochschulen Österreichs das äußere Bild von nationalsozialistischen Insti- tutionen. Der Gleichschaltungsprozess war effektiv, setzte unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ein, stieß auf keinen Widerstand und vollzog sich
teilweise unverbunden neben der personalisierenden, quasi-juridischen Suche nach individueller Verantwortung. Doch mit Bildern, die gänzlich von allem historischen Tun abstrahieren, lässt sich ebenso wenig verstehen, wie mit der Zuschreibung von Schuld erklären.
Ein noch unbearbeitetes Forschungsthema zu eröffnen bedeutet, viele grundsätzliche Fragen und viele Fragen grundsätzlich stellen zu müssen. Es bedeutet, das Ausgangsproblem auszutesten, zu korrigieren, zu refor- mulieren – wissenschaftlich zu berichtigen. Denn solch ein Thema existiert immer schon auf vorkonstruierte8 Weise als mehr oder minder vielfältiges Spektrum von Vorstellungen, die ihren Sinn aus diversen Logiken bezie- hen, nur gerade nicht aus der Logik spezialisierten Erklärens und Verste- hens, die wissenschaftliche Forschungen auszeichnen sollte9. Auch die Frage nach Entlassungen und Berufsverboten als Formen nationalsozialistischer Verfolgung – die Ausgangsperspektive der Projektarbeit – erwies sich in kürzester Zeit als Vorkonstrukt: als Bild mehr denn als Modell, als eine jener Intuitionen, deren wissenschaftlicher Sinn nach Gaston Bachelard einzig ist, berichtigt werden zu können10. So veränderten sich Fragen und Antworten fortwährend, sowohl implizit (durch die konkreten Erhebungs- und Konstruktionsentscheidungen) als auch explizit (in den Teamdiskus- sionen, -reflexionen und -planungen) in jedem einzelnen Arbeitsschritt. Das nach zwei Jahren Projektarbeit vorläufige Ergebnis dieser Berichtigungen ist die Komplizierung der unmittelbar einleuchtenden Ausgangsideen11 zu
Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm 9
ähnlich jenem in der öffentlichen und staatlichen Verwaltung, im Vereinsleben und in der österreichischen Wirtschaft.“ Brigitte Lichtenberger-Fenz: Österreichische Hoch- schulen und Universitäten und das NS-Regime, in: Emmerich Tálos, Ernst Hanisch und Wolfgang Neugebauer, Hg.: NS-Herrschaft in Österreich 1938 –1945. Wien 1988, S. 269 – 282, hier: 270.
8 Emile Durkheim: Les règles de la méthode sociologique. Paris 1937 (11894), S. 31– 34. 9 Spezialisiertes Erklären und Verstehen als Prinzip und Einsatz einer Wissenschaft als
innovativer experimenteller Forschung meint ein Erklären/Verstehen, das vor allem selbstbezüglich aufs Erklären/Verstehen ausgerichtet ist und gerade nicht auf die Er- füllung nicht-wissenschaftlicher Nachfragen; vgl. Alexander Mejstrik: Editorial, in Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 3/8 (1997), S. 309 – 311.
10 „Dans ses rapports avec les images, le surobjet est très exactement la non-image. Les intuitions sont très utiles: elles servent à être détruites.“ Gaston Bachelard: La phi- losophie du non. Essai d’une philosophie du nouvel esprit scientifique, Paris 41966 (11940), S. 139.
11 Diese Fragen funktionierten so wie jene, die der Relativitätstheoretiker an die Newton- sche Physik stellt: „Comment vous servez-vous de votre idée simple? [...] Comment la connaissez-vous? Comment vous proposez-vous de nous la faire connaître, à nous
10 Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm
einem unterschiedlich dicht ausgearbeiteten Erklärungsmodell. Wissen- schaftliche Forschung war auch hier nicht Komplexitätsreduktion, sondern Herstellung von Komplexität.
Was waren also nationalsozialistische Verfolgungen im Bereich von Ar- beit und Beruf? Was waren Entlassungen, was Berufsverbote? Was waren Verfolgungen? Wer waren die Verfolgten und was wurde verfolgt? Was waren Berufe und was war Arbeit im nationalsozialistischen Land Öster- reich, in der Ostmark und in den Alpen- und Donaureichsgauen?
In einem ersten Bruch mit der augenscheinlichen Klarheit der Aus- gangsfrage ergibt schon eine bloß oberflächliche Zusammenstellung der nationalsozialistischen Politik- und Verwaltungsmaßnahmen ein ziemlich disparates Bild. Ganz unterschiedliche Aktionen von unterschiedlichem Rechtsstatus wurden zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Personen und Institutionen gesetzt und richteten sich auf unterschiedliche Zielgruppen: Einen Beruf- und Arbeitsmarkt, auf dem eine zentralisierte und koordinierte Intervention möglich gewesen wäre, gab es im März 1938 offensichtlich (noch) nicht.
Den bald einsetzenden Versuchen der neuen nationalsozialistischen Machthaber, den Öffentlichen Dienst und einige der politisch und admi- nistrativ relevanten freien Berufe zu säubern, wie es in der völkischen Sprache hieß, standen die zahlreichen Initiativen von bestehenden Berufs- vertretungen (wie zum Beispiel den Kammern) oder Privatleuten (Unter- nehmerInnen, Gewerbetreibende usw.) zur Seite, aber auch gegenüber. Von Anfang an kam es zu mehr oder minder offenen Interessenkonflikten. Ebenso verfolgte etwa Reichskommissar Bürckel nicht immer dieselben Ziele wie andere nationalsozialistische Politiker, wie die Gestapo, die DAF, die NSBO. Instanzen der alten Verwaltung, wie zum Beispiel Wiener Magistrate oder Teile der Richterschaft, intervenierten in diese Konflikte mit eigenen Einsätzen. Nationalsozialistische Parteistellen hatten wiederum andere, eigene Prioritäten. Diejenigen, deren Berufs- und Arbeitsgeschich- ten von den neuen Regelungen, Säuberungen oder sonstigen Aktionen irgendwie negativ betroffen waren, wehrten sich mehr oder weniger, oder aber nicht, akzeptierten die neuen Gewaltmaßnahmen in unterschiedlichem Ausmaß auf unterschiedliche Weise. Für die Gekündigten und Entlasse-
qui n’appartenons pas à votre système de référence? Bref, comment faites-vous fonc- tionner votre concept?“ Gaston Bachelard: Le nouvel esprit scientifique, Paris 131975 (11934), S. 47.
nen veränderten sich die zum Leben notwendigen Ressourcen je nachdem, ob sie die ihnen zustehenden Lohnfortzahlungen und Abfertigungen er- hielten oder nicht. Für sie war dies entscheidend, „eine Lebensfrage“12. Ob jemand rechtzeitig emigrieren konnte, wurde dadurch maßgeblich beeinflusst. Einige suchten und fanden irgendwelche Auswege aus ihrer neuen materiellen Misere, einigen gelang es sogar, in der Emigration gut Fuß zu fassen, für viele war der Verlust ihrer Erwerbsarbeit der Beginn ihrer Verfolgung und Vernichtung.
Die Unüberschaubarkeit dieser Konjunkturen wird dabei noch durch zwei weitere Umstände verstärkt. Erstens schien sich die allgemeine Orien- tierung der nationalsozialistischen Arbeitsmarkt- und Berufspolitik, also ein wesentlicher Rahmen für die eben angesprochenen Ereignisse, gerade zwischen 1938 und 1939 insgesamt zu verändern. Zweitens wiesen die diversen Arbeits- und Berufsmärkte zumindest zu Beginn dieser Zeit noch sehr unterschiedliche Ordnungen auf. Der Beruf als verallgemeinerte histo- rische Institution sollte – in Ansätzen – von den nationalsozialistischen Politiken und Verwaltungen erst hervorgebracht werden, was im Folgen- den ausführlich zu zeigen ist. Davor war „das österreichische Berufsleben“, wie die staatlichen Statistiker und Demographen in ihrer Auswertung der Volkszählung 1934 schrieben,13 kaum unter einer einheitlichen Perspektive zu bändigen – wovon die vielen Widersprüche und Ungereimtheiten eben dieser Volkszählung, die dabei ja sorgfältig und reflektiert vorbereitet wor- den war,14 zeugen. Beruf zum Beispiel, um nur eines der augenfälligsten Probleme zu nennen, fungierte dort in grundlegender Ambivalenz als Ober- und zugleich als Unterkategorie einer Taxonomie, die sich auch als logische (umfassende und hinreichende) verstanden wissen wollte: als Synonym für „Erwerbstätigkeit“ überhaupt und gleichzeitig als Bezeich- nung für eine Reihe ganz bestimmter technisch erlernbarer Kompetenzen und Fertigkeiten (nach der Art traditioneller Gewerbe): „Die Berufszuge- hörigkeit der Bevölkerung ist bei der vorliegenden Volkszählung durch drei Angaben erfasst worden: durch die Zugehörigkeit zu einer Wirtschafts-
Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm 11
12 Konsulent Dr. Hans Israel Wantuch an die Entschädigungstelle vom 15. Mai 1939, HKWA, Kt. 2941/9.
13 Die Ergebnisse der Österreichischen Volkszählung vom 22. März 1934 bearbeitet vom Bundesamt für Statistik. Heft 9 Tirol, Wien 1935, S. III.
14 Vgl. Dieter Josef Mühl: Der Wandel des Burgenlandes und seiner Berufsstruktur an- hand der Volkszählungen 1934 –1951–1971–1991. Dipl.Arb. Wien 1995, S. 16 – 25.
12 Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm
art [...] durch die Zugehörigkeit zu einem Berufe und durch die Stellung im Berufe.“15 So war es in dieser hochoffiziellen Bestandsaufnahme und Definition von Wirtschaft und Arbeitsmarkt möglich, einen Beruf zu haben und gleichzeitig keinen Beruf zu haben (vgl. Kapitel 1.2. Das Berufsleben der österreichischen Bevölkerung 1934, S. 78). Wie ist mit solchen Unüber- sichtlichkeiten, Widersprüchen und Unschärfen umzugehen?
Beruf war und ist keine abstrakt logische Kategorie.16 Und was bei den nationalsozialistischen Berufsverboten und Entlassungen, bei der Festle- gung von politischen Gegnern und Fremdrassigkeit offensichtlich ist, das galt auch für die Bestimmung von Berufs- und Arbeitsgeschichten. Es ging um etwas, um unterschiedliche Interessen und Einsätze mit gravierenden, sogar fatalen Folgen. Die Bezeichnungen (von Berufen, von arbeitsrechtli- chem Status, von nationalsozialistischer Rasse und politischer Gesinnung) dienten nicht einfach zur kognitiven Durchdringung und Ordnung der Welt, nicht einfach zur quasi hermeneutischen Setzung von Identität und Sinn. Sie funktionierten als Einsätze zur Durchsetzung von sozialen/kultu- rellen Interessen, deren Durchsetzungsmächtigkeiten und -chancen extrem ungleich waren.
Die Widersprüche in den Quellen, die Disparatheit der Informationen, die Ungereimtheiten der diversen Angaben, die verwirrende Vielfalt von Details, Episoden und Ereignissen, auf die man unweigerlich stößt, so- bald man sich dem Thema empirisch zu nähern versucht – sie sind damit keine Erkenntnishindernisse, die mit klaren und einfachen Definitionen17
auf pragmatisch bearbeitbare und auszählbare Größen zurechtgestutzt werden müssten. Die Angaben in den Akten sind nicht einfach wahr oder gelogen oder unwahr, sondern funktionierten in ganz unterschiedlichen praktischen Kontexten. Dies gilt natürlich für jede Quelle, so wie auch die Frage nach Wahrhaftigkeit so gut wie nie schlüssig zu beantworten (und daher letztlich irrelevant) ist und so wie die Wahrheit im objektiven (und nicht ökonomischen, politischen usw.) Sinn nicht in den Quellen liegt, son- dern von der wissenschaftlichen Forschung produziert wird.
15 Ergebnisse Volkszählung, Heft 9, S. III. 16 Dazu noch immer grundlegend vgl. Alain Desrosières und Laurent Thévenot: Les mots
et les chiffres: les nomenclatures socioprofessionnelles, in: Économie et Statistique 110 (1979), S. 49 – 65.
17 Zur Unterscheidung solcher „concepts opératoires“ von den wissenschaftlich funktio- nierenden „concepts systémiques“ vgl. Pierre Bourdieu, Jean-Claude Chamboredon
Vorweg inhaltlich zu bestimmen, was (als Entlassung, als Beruf und Arbeit, als Verfolgung usw.) und wer (als Opfer, Täter, Mitläufer usw.) wie (mehr oder weniger wichtig, als erklärender oder zu erklärender Faktor usw.) in die Untersuchung eingehen, oder aber nicht eingehen darf, hätte nur dazu geführt, die Unterschiedlichkeit der Interessen an und die damit verbundenen Auseinandersetzungen um Beruf und Arbeit, Entlassung und Karriere, Verfolgung und Erfolg, Opfer und Täter, Wichtigkeit und Un- wichtigkeit nicht mehr fassen zu können. Vorgängige Definitionen und Entscheidungen juridischer, politischer und/oder moralischer Art erlauben, ja erfordern bei Forschungen einen prinzipiellen blinden Fleck: Sich ex post für eine Perspektive zu entscheiden heißt die multiperspektivischen Auseinandersetzungen nicht erfassen zu können, denen sich alle Perspekti- ven, und damit auch diejenige, für die man sich entschieden hat, verdankten und verdanken. Diese Auseinandersetzungen als solche zu rekonstruieren heißt hingegen, die Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgungen am Berufs- und Arbeitsmarkt zu verstehen. Das Prinzip der Kräfte- und Sinnverhältnisse zu formulieren, auf denen diese Auseinandersetzungen gründeten und die sie im Gegenzug begründeten, heißt, diese Geschichte wissenschaftlich zu erklären.
Die Forschungen des Projekts konnten daher die Fragen nach Schädi- gung und Vorteil, nach Schuld und Opfer nicht als beantwortet und nicht als Grundlage, Referenz oder Fluchtpunkt der Untersuchungen anneh- men, sondern mussten die mannigfachen zeitgenössischen impliziten wie expliziten Formulierungen und Beantwortungen dieser Frage zum Gegen- stand von Erklärungen machen. Die Arbeit des Projekts basierte daher auf dem Bemühen, den Forschungsgegenstand als variations- und kontrast- reiches Spektrum zu konstruieren: als historischen Raum18 möglicher Arbeits- und Berufsgeschichten19, in dessen Struktur die unterschiedlich-
Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm 13
und Jean-Claude Passeron: Le métier de sociologue. Préalables épistémologiques. Berlin, New York und Paris (11967, 21973 revisée) 1983, S. 53 – 54.
18 Das heißt als einen Zusammenhang (System) aller Tätigkeiten – mit einer relativ autono- men Logik, mit eigenen Grenzen, Zulassungen und Hierarchien, mit eigenen Tugenden und Fehlern, mit eigenen Einsätzen und Verteilungen, Konsekrationen und Sanktionen.
19 Mit dem Konzept der -geschichten wird hier an das der „trajectoires“ angeschlossen, wie es von Pierre Bourdieu vorgestellt worden ist, vgl. zB Pierre Bourdieu: Condition de classe et position de classe, in: Archives européennes de sociologie 7/2 (1966), S. 201 – 223, hier: S. 205; Pierre Bourdieu: Champ du pouvoir, champ intellectuel et habitus de classe, in: Scolies, Cahiers de recherche de l’école normale supérieure 1
14 Einleitung: Fragestellungen und Forschungsprogramm
sten Tätigkeiten – Episoden, Politiken, Ereignisse, Maßnahmen, Konflikte usw. – als reale Fälle jenes Möglichen verortet sind. So können diese in dem verstanden werden, was sie vereinte: nämlich dass sie alle an der histo- rischen Konstituierung von Arbeiten und Berufen mitwirkten, sich alle in diesem Sinn für Arbeiten und Berufe als Zusammenhang irgendwie ein- setzten und damit als Einsätze im Raum der Berufsarbeiten historisch wirkten. Gleichzeitig können sie in dem erklärt werden, was ihre Wider- sprüchlichkeit ausmachte: nämlich auf unterschiedliche (verschiedene und ungleiche), mehr oder minder konfliktive Weisen an dieser Konstituierung mitzuwirken und damit als je partikulare Berufs- und Arbeitseinsätze histo- risch zu wirken. Konsens und Opposition, Zusammen- und Gegenein- anderwirken lassen sich daher als zwei Momente jeder einzelnen Tätigkeit begreifen. Deren gegenseitige Gewichtung festzustellen ist ein experimentel- les Problem. An die Stelle von Typologien – allen voran der Hilbergschen von Tätern, Opfern und Mitläufern20 – konnte so ein Strukturmodell des Spektrums aller möglichen Übergänge zwischen allen möglichen Arten treten, sich eher für oder eher gegen die Etablierung einer deutsch-völki- schen Ordnung einzusetzen – und zwar nicht überhaupt und allgemein, sondern am Fall eines konkreten Bereichs. Um dieses Modell und die mit ihm möglichen Erklärungsansätze zur präsentieren, müssen auch (indivi- duelle wie kollektive) Arbeits- und Berufsgeschichten präsentiert werden, die sich nicht wie einfache Geschichten erzählen lassen, weil sie als wis- senschaftliche Tatbestände experimentell konstruiert worden sind – mit unterschiedlichen und unterschiedlich elaborierten Erfindungs- und Kon- trollinstrumentarien21.
(1971) S. 7– 26, hier: S. 16; und Pierre Bourdieu: L’illusion biographique, in: Actes de la recherche en sciences sociales 62 – 63 (1986), S. 69 –72. Besser wäre es gewesen, der etablierten Übersetzung mit -laufbahnen zu folgen, was allerdings dann nicht mehr von dem Gegenstandsmoment der „Berufslaufbahnen“, wie es in nationalsozialistischer Sprache hieß,…

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