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Katalog zur Ausstellung im Robert-Musil-Literaturmuseum 20. Mai bis 30. September 2015

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  • Peter PutzDas Ewige Archiv

    The Eternal Archives Robert-Musil-Literaturmuseum Klagenfurt 2015

  • Das Fotografieren ist eine gemeine Sucht, von welcher nach und nach die ganze Menschheit erfat ist, weil sie in die Verzerrung und die Perversitt nicht nur verliebt, sondern vernarrt ist und tatschlich vor lauter Fotografieren mit der Zeit die perverse Welt fr die einzig wahre nimmt. Die fotografieren begehen eines der gemeinsten Verbrechen, die begangen werden knnen, indem sie die Natur auf ihren Fotografien zu einer perversen Groteske machen. Die Menschen sind auf ihren Fotografien lcherliche, bis zur Unkenntlichkeit verschobene, ja verstmmelte Puppen, die erschrocken in ihre gemeinsame Linse starren, stumpfsinnig, widerwrtig. Das Fotografieren ist eine nieder-trchtige Leidenschaft, von welcher alle Erdteile und alle Bevlkerungsschichten erfat sind, eine Krankheit, von welcher die ganze Menschheit befallen ist und von welcher sie nie mehr geheilt werden kann.1)

    Thomas Bernhard

    1) Thomas Bernhard, Auslschung, Frankfurt/M., 1988, mit freundlicher Genehmigung Suhrkamp Verlag.

  • Robert-Musil-Literaturmuseum Klagenfurt 2015

    Das Ewige Archiv wurde im Jahr 1980 von Peter Putz gegrndet und versteht sich als dynamische Enzyklopdie zeitgenssischer Identitten. Es ist eine der umfangreichsten nichtkommerziellen und unabhngigen Bilddatenbanken sterreichs, mit einem Bildbestand ab dem Jahre 1905, mit Meta-datenverzeichnis und detaillierter Beschlagwortung.

    Schwerpunkt ist die permanente fotografische Notiz: Spurensicherung des Alltags, Dokumentation und Vergleich unterschiedlicher Lebens- und Arbeitsrume: Wien und Montral, Ebensee und Poz-nan , London, New York, Berlin, Lissabon ebenso wie etwa Paris, Vandans, Bagdad und Rom.

    Diese Aufzeichnungen verdichten sich zu greren Bezugsrumen und bilden ein facettenreiches Gewebe verschiedenster Realitten mit besonderem Augenmerk auf Spektakulr-Unspektakulres. Bilder der Sammlung werden exemplarisch zu themenbezogenen Tableaux zusammengefasst.

    Peter PutzDas Ewige Archiv

    The Eternal Archives

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    Es sprechen genau genommen gleich mehrere Grnde dafr Das Ewige Archiv im Robert-Musil-Literatur-Museum zu zeigen. Dass sich der Knstler Peter Putz in seinem Projekt auch mit Schriftstelle-rinnen und Schriftstellern von Friedrich Achleitner bis Marlene Streeruwitz beschftigt, ist nur einer davon. Der Knstler siedelt in seiner Arbeit gleich mehrere Aspekte genau in jenem Schnittfeld von Literatur und bildender Kunst an, welches fr das Musil Muse-um von besonderem Interesse ist. Putz stellt die trockene Wrde1) der Fotografie in den Mittelpunkt seiner berlegungen. Und das aus gutem Grund: Die Photographie habe, so Robert Musil, alle Details wie die Wirklichkeit. Ihrer Wirkung kommt deshalb etwas von der Strke des Erlebten zu2). Und dieser Strke des Erlebten sprt Peter Putz mit dem Projekt Das Ewige Archiv nach. Daraus bezieht es seine faszinierende Dynamik. Putz hat sein Projekt als unabhngige Bilddatenbank, als dynamische Enzyklopdie zeitge-nssischer Identitten, angelegt und kommt mit diesem Ansatz dem Ansinnen des Schriftstellers Robert Musil, wie ich meine, sehr nahe. Das Sammeln, das Organisieren von Material, das Archivieren ist dabei eine wesentliche knstlerische Strategie. Robert Musil hatte auf diesem Gebiet aber durchaus seine ganz persnlichen, prakti-schen Erfahrungen gesammelt, was sich auch in seiner literarischen Arbeit niederschlug.

    Er sagt lange Zeit nicht, was er ist, weil er sich noch schmt. So wissen sie ihn gar nicht zu rubrizieren3). Zu rubrizieren wre die Figur, um die es in dieser Notiz des Schriftstellers Robert Musil geht, in die Kategorie Der Archivar. Diesen Titel htte eines von meh-reren Romanprojekten, welche Musil nach dem Jahr 1918 verfolgte, haben sollen. In diese Romanprojekte sollten die Erfahrungen des Dichters aus der Zeit des Ersten Weltkriegs sowie aus der Nach-kriegszeit einflieen. Die Texte gelten nun als Vorstufen fr den Roman Der Mann ohne Eigenschaften, das Opus magnum des Schriftstellers. Das Kriegsende hatte Musil in Wien miterlebt, wo er seit dem Frhjahr 1918 im Kriegspressequartier ttig war, genauer gesagt als verantwortlicher Schriftleiter der Soldatenzeitung Hei-mat. Zu seinen Mitarbeitern zhlten so prominente Autoren wie Franz Blei und Egon Erwin Kisch. Dem Angebot, wie vor dem Welt-krieg wieder als Redakteur der vom S. Fischer Verlag herausgegebe-nen Literaturzeitschrift Die Neue Rundschau zu arbeiten, trat Musil nicht nher. Die Stellung wre ja sehr schn und ehrenvoll, aber auch sehr absorbierend, notierte Musils Ehefrau Martha in einem Brief. Sie war sich ziemlich sicher, dass Robert auch hier sicher etwas Gutes findet, was ihm vielleicht mehr Zeit fr seine Arbeit lt4). Beginnend mit Mitte Jnner 1919 war Musil dann eine Zeitlang im Archiv des Pressedienstes des Staatsamtes fr ueres5) ttig. Seine offizielle Aufgabe war, einen Index der Zei-tungausschnitte anzulegen. Die Stellung als Archivar der Zeitungs-ausschnitte (Sanktuarium des Zeitungsdrecks) sieht der Schriftstel-ler in einer Tagebuchnotiz als Resultante des Versuchs, einen normalen Zeitgenossen aus ihm zu machen6). Es ist beim Versuch geblieben.

    Der schwer zu rubrizierende Held dieser Geschichte sitzt im Ent-wurf zu Der Archivar im schlechtesten Zimmer einem Kasten mit dunklem Eingang einer gerumigen brokratischen Hunde-htte () mit einer Schere in der Hand, und vor ihm [steht] eine groe, in amtlichen Ausmaen gehaltene Flasche mit flssigem Gummi7). Wenn der Roman Der Archivar auch nicht ber das

    Der Strke des Erlebten nachspren

    Heimo Strempfl

    Versuchsstadium hinausgekommen ist und wenn der Schriftsteller Robert Musil diese Profession auch nur kurz ausgebt hat, so ist das Thema des Archivs fr ihn doch bis zum Ende seines Lebens ein Bestimmendes geblieben. Denn als Robert Musil im April 1942 im Schweizer Exil in Genf starb, hinterlie er in ca. 40 Heften und 60 Mappen mehr als zehntausend Seiten an Manuskripten. Darin befanden sich unter anderem handschriftliche Entwrfe und Typo-skripte, die er deshalb mit sich genommen hatte, weil er sie als Material fr die Fortsetzung des Romans Der Mann ohne Eigen-schaften (1930 bzw. 1933), an dem er bereits ber zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, ansah8). Der Archivar Musil hatte ein eige-nes Zeichensystem zur Organisation des Materials, welches die Grundlage fr seinen Roman bieten sollte, entwickelt. Den Roman selber hatte er mit der Sigle M.o.E. versehen. In einem Interview mit seinem Kollegen Oskar Maurus Fontana hatte Musil seinen literari-schen Ansatz folgendermaen beschrieben: was den M.o.E. ange-he, so interessiere ihn die reale Erklrung des realen Geschehens nicht interessiere, sondern das geistig Typische9).

    Der Knstler Peter Putz legt als Archivar mit Das Ewige Archiv ein facettenreiches Gewebe verschiedenster Realitten vor. Er besttigt meiner Ansicht nach mit seiner Arbeit in einer gewissen Hinsicht aber auch folgende Beobachtung Musils: Der Mensch ist nicht komplett und kann es nicht sein. Gallertartig nimmt er alle Formen an, ohne das Gefhl der Zuflligkeit seiner Existenz zu ver-lieren10).

    1) Robert MUSIL: Klagenfurter Ausgabe. Kommentierte digitale Edition smtlicher Werke, Briefe u. nachgelassener Schriften. Mit Transkriptionen u. Faksimiles aller Handschriften. Hg. v. Walter Fanta, Klaus Amann, Karl Corino. Klagenfurt 2009 (DVD)/Transkriptionen/Mappe V/3/31 [= 62. Das Sternbild der Geschwister Oder Die Ungetrennten und die Nichtvereinten 5 ].

    2) Robert MUSIL: Klagenfurter Ausgabe/Transkriptionen/Mappe VII/11/175 [ E 50 ].

    3) Lesetexte/Bd. 15 Fragmente aus dem Nachla/Erzhlerische Fragmente/Die zwan-zig Werke/Archivar.

    4) Robert MUSIL: Briefe 1901-1942. 2 Bnde. Hg. v. Adolf Fris. Unter Mithilfe v. Murray G. Hall. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1981, Bd, 1, S. 172.

    5) Karl CORINO: Robert Musil. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg: Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1981, S. 598.

    6) Robert MUSIL: Tagebcher. 2 Bnde. Hg. v. Adolf Fris. Neu durchgesehene u. ergnzte Auflage. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1983, Bd, 1, S. 316.

    7) Robert MUSIL: Klagenfurter Ausgabe/Lesetexte/Bd. 15 Fragmente aus dem Nach-la/Erzhlerische Fragmente/Die zwanzig Werke/Archivar.

    8) Robert MUSIL: Klagenfurter Ausgabe/Lesetexte/Einfhrung.

    9) Robert MUSIL: Klagenfurter Ausgabe/Lesetexte/ Bd. 14 Gedichte/Aphorismen/Selbstkommentare/Was arbeiten Sie. Gesprch mit Robert Musil.

    10) Ebd.

    Dr. Heimo Strempfl ist Direktor des Robert-Musil-Literaturmuseums der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wrthersee

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    Folgende Seiten: Wunschkennzeichen sind nach Auffassung des Autors die sterreichische Antwort auf japanische Haikus und stehen in der Tradition der konkreten Poesie: (s. a.: W JANDL 5). Seit dem Jahre 1989 wurden in sterreich mehr als 500.000 Wunschkennzeichen angemeldet. (Kosten fr die Anmel-dung 2012: 228,30 Euro). Die Wunschkennzeichen-Sammlung des Ewigen Archives ist nach Departments gegliedert und umfasst mehr als 5000 Fotos. Die Verffentlichung der Wunschkennzeichen an dieser Stelle geschieht ausschlielich zu Dokumentationszwecken und impliziert keinerlei Wertung. Siehe Essay von Friedrich Achleitner.Dank an Hannes Flaschberger, Sonja Gasparin, Beny Meier, Bernhard Lemersleitner und Susanne Salzgeber fr viele wunderbare Beitrge zur Sammlung!

    Klagenfurt | AT 2015

    Klagenfurt | AT 2015

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    Soweit noch nicht in der Globalisierung der Autokennzeichnung abstrakte Ziffern- und Buchstabensysteme praktiziert werden, kom-men sich Stdte und Regionen, die nichts miteinander zu tun haben, oft zum Verwechse